Licht in dunkler Zeit

 


vom Autor signierte Erstausgabe

Hans Graf Lehndorff: Insterburger Jahre – Mein Weg zur Bekennenden Kirche

Gute Memoiren sollten vor allem eines sein: Ehrlich.Wenn man dies als Hauptkriterium für den Wert gedruckter Erinnerungen ansieht, dann ist dieser Autor über alle Zweifel erhaben.

Hans Graf von Lehndorffs Memoiren, die insgesamt drei Bände umfassen, gehören meiner Meinung nach zu den wertvollsten deutschen Erinnerungen des 20. Jahrhunderts, die wir besitzen.

Inkonsequenterweise beginne ich hier mit dem mittleren und dünnsten Band, der die Zeit zwischen 1941 – 1944 behandelt und auch hier nur sehr beschränkt, wie der Titel andeutet, der Weg des Autors zum gelebten christlichen Glauben in der unterdrückten und verfolgten Bekennenden Kirche.

Natürlich werde ich die beiden anderen Teile – Menschen, Pferde, weites Land und das berühmte Ostpreußische Tagebuch – zu einem späteren Zeitpunkt auch noch besprechen.

Ich möchte aber mit diesem Band beginnen, weil er exemplarisch zeigt, warum ich diesen Blog eingerichtet habe: Er ist ehrlich, er ist historisch wichtig – trotz der naturgegeben Subjektivität, die jede Autobiographie auszeichnet -, und es ist ein Bändchen, das meiner Meinung nach eine erhöhte Aufmerksamkeit bedarf. Und nicht zuletzt nimmt es auch in meiner Bibliothek einen Sonderplatz ein, weil ich das Glück habe, ein vom Autor signiertes Exemplar zu besitzen.

Schon der Titel ist bescheiden: Mein Weg zur Bekennenden Kirche – damit drückt er schon aus, dass er keinen allgemein und für jeden gültigen Weg beschreibt. Er erzählt nur von den Ereignissen und Erlebnissen, die ihn in dieser für uns Spätgeborene nicht mehr in der ganzen Tiefe erfassbaren Zeit bewegt haben.

Der Glaube, den er beschreibt, ist nicht missionierend, nicht oktroyierend, sondern in seinem persönlichen Erleben das, was christlicher Glaube im besten Falle sein sollte: Erlösend und befreiend. Daher kann man auch als Nichtchrist dieses Buch hervorragend lesen, ohne sich durch den moralischen Zeigefinger abgestoßen fühlen zu müssen. Im Gegenteil, Lehndorff nimmt uns mit zu einem tätigen bekennenden Christentum, das in seiner ethischen Konsequenz selten und bewunderungswürdig ist.

Die Begegnungen, die er mit den führenden Köpfen der Bekennenden Kirche hat, mit Lothar Kreyssig, dem späteren Gründer der Aktion Sühnezeichen etwa, stehen dabei nicht so sehr im Vordergrund wie die Schilderung der Gemeinde der Bekennenden Kirche in Insterburg, die uns ein lebendiges Bild des  Widerstandes gegen das nationalsozialistische Regime zeichnet, der nicht weniger wertvoll war, nur weil er in diesem kleinen Rahmen von beschränkter Wirksamkeit war. 

Ausgaben:

Hans Graf von Lehndorff: Die Insterburger Jahre: Mein Weg zur Bekennenden Kirche. Biederstein Verlag. 1969. (Originalausgabe). Taschenbuch broschiert. 99 S.

Hans Graf von Lehndorff: Die Insterburger Jahre: Mein Weg zur Bekennenden Kirche. C. H. Beck. 2001. (Beck’sche Reihe). Taschenbuch. 99 S.

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Tanja Blixen: Jenseits von Afrika

Afrikanische Stimmungsbilder

Manche Autobiographien sind bekannter als ihre Verfilmungen und bei manchen ist es anders herum.

Der Film Jenseits von Afrika ist sicher viel bekannter als das zu Grunde liegende autobiographische Werk Tanja Blixens. Obwohl, es sei gleich gesagt, der Film nur zum Teil auf den Erinnerungen beruht und sich gleichzeitig aus einer Reihe anderer Quellen bedient – was dem Film sicher gut getan hat.

Damit sind wir auch schon gleich bei der Kritik des Buches. Keine Frage, auch das Buch Jenseits von Afrika ist ein hervorragendes Dokument der  Geschichte des kolonialen Ostafrikas. Die Sprache ist hervorragend und seitdem Manesse und in Lizenz jetzt auch die Büchergilde Gutenberg das Manuskript neu übersetzt herausgegeben hat (und dankenswerterweise auch den unsäglichen ersten deutschen Titel Afrika – Dunkel lockende Welt hat fallen lassen), können das auch deutsche Leser wertschätzen.

Blixen erzählt nicht chronologisch, nicht immer wahrheitsgetreu, und lässt viel aus, vor allem Privates, wie ihre Beziehung zu Denys Finch Hatton, auf die sie nur wenig eingeht, fast, als ob er nur ein Freund gewesen sei und wenig mehr.

Auch das Leben auf der afrikanischen Farm bekommen wir in ihrem Buch nur anekdotenhaft präsentiert, sie ist nicht Chronistin ihrer Lebensjahre in Afrika, sondern in allem, was sie erzählt, will sie auch eine Botschaft vermitteln – es ist ein auf ganz eigentümlich verklärtes Afrika, das sie uns vorführt, getragen vermutlich von einer gewissen ambivalenten Haltung – schließlich ist sie, wenn auch gezwungenermaßen – nach einem gründlichen wirtschaftlichen Misserfolg mit ihrer Farm, wieder nach Dänemark zurückgekehrt, wo sie sich aber, glaubt man ihrer Biographie, auch nie mehr wirklich heimisch gefühlt hat.

Wenn man das weiß, dann kann man Jenseits von Afrika mit Genuss lesen, als eine Collage von Eindrücken, aus einem Afrika, dass es nicht mehr gibt – aber so vielleicht auch nie gegeben hat, außer in der Erinnerung von Tanja Blixen.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist also nicht, was Tanja Blixen erzählt, sondern wie sie es erzählt: Mit wenigen Worten, fast wie ein Impressionist mit wenigen Pinselstrichen hält sie Stimmungen und Momente fest. Fast meint man, den Geruch der verbrannten Felder nach der Ernte in der Nase zu spüren, die abendlichen Palaver und Gesänge der eingeborenen Stämme zu hören. Kitschig, gewiss.  Und trotzdem ist es hohe Literatur.

Ausgaben:

Tania Blixen: Afrika – dunkel lockende Welt. Aus dem Englischen v. Rudolf von Scholtz. – Stuttgart & Berlin: Deutsche Verlags-Anstalt, o.J. [1938?]. Neuausg. Stuttgart 1954 u.ö. & Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1954 (rororo 133) u.ö. & Zürich, Manesse-Verlag 1986.

Neuausgabe:
Tania Blixen: Die afrikanische Farm. Aus dem Dänischen von Gisela Perlet. – Rostock: Hinstorff, 1989. Überarbeitete Neuausg. unter dem Titel Jenseits von Afrika, Nachwort von Ulrike Draesner; Zürich: Manesse, 2010. Lizenzausgabe: Büchergilde Gutenberg, 2010.

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Winston S. Churchill: My Early Years


Ausgabe der Folio Society

Abgesang auf eine verlorene Zeit

Er wird regelmäßig zum bedeutendsten Briten aller Zeiten gewählt und daran hat, neben aller welthistorischen Bedeutung, sicher nicht zuletzt seine schriftstellerische Begabung einen großen Anteil. Er hat Weltgeschichte geschrieben, im wahrsten Sinne des Wortes, und den Nobelpreis für Literatur nicht umsonst bekommen.
Sein persönlichstes Werk und wahrscheinlich auch sein bestes ist die Autobiographie seiner Jugend, die er um 1930 schrieb.

Die zeitliche Position, aus der er dieses Buch schrieb ist eine merkwürdige: Zum Einen ist es selten, dass jeamand seine Autobiographie schreibt, bevor er den Höhepunkt seiner Karriere erreicht hat und zum Anderen ist es die Position zwischen den beiden großen Katastrophen des Zwanzigsten Jahrhunderts, aus der er schreibt: Wir vergessen heutzutage allzu leicht, dass die Umwälzungen, die der Erste Weltkrieg, der „kleine“ (der damals aber der Große Krieg genannt wurde) für die, die sie erlebt haben, mindestens genauso groß gewesen sind, wie die, die später der Zweite verursacht hat.

Churchill beschreibt also eine Zeit, die es nicht mehr gibt: Das spätviktorianische England, das im Prinzip in seiner Beharrlichkeit auch nach dem Tode Victorias sich noch bis zum Ersten Weltkrieg gehalten hat. England ist auf dem Höhepunkt seiner Macht und die Elite des Landes, aus der Churchill kommt, ist sich dessen auch bewusst und befleißigt sich einer Gelassenheit, die sich aus dem Gefühl der echten und wahren Überlegenheit gegenüber allen und allem speist.

Aber diese ruhmreiche Epoche sollte nur noch wenige Jahre dauern, was Young Churchill freilich nicht wissen konnte. So schreibt der erwachsene Churchill mit einer Mischung aus distanzierter, kopfschüttelnder Ironie über sein früheres Ich, aber auch mit einem Anflug von Wehmut, dass diese unbedarfte Zeit für ihn vorbei ist.
Wir erfahren so viel über englische Denkweise an der Wende zum 20. Jahrhunderts, als man die wesentlichen Probleme der Menschheit im Prinzip überwunden glaubte und Krieg im Prinzip als Sport und Herausforderung an taktisches Geschick und Organisationstalent begriff.

Churchill erzählt ehrlich und pointiert aus seiner Schulzeit, die für ihn als – wohlwollend ausgedrückt – mittelmäßigen Schüler alles andere als leicht war. Er will Abenteuer erleben und setzt Himmel und Hölle in Bewegung um an die kriegerischen Brennpunkte seiner Zeit zu gelangen und fiebert förmlich der ersten Kugel entgegen, die ihm um die Ohren pfeift. Kuba, Indien, Sudan und schließlich Südafrika sind die Stationen seines abenteuerlichen Lebens. Er flieht spektakulär aus burischer Gefangenschaft und landet schließlich im zweiten Versuch als Abgeordneter seines Wahlkreises im Unterhaus.

Trotz aller übermütigen Abenteuerlust hat sich Churchill ein kritisches Denken bewahrt, dass durch den Abstand zu den Erlebnissen noch geschärft wird und diese freundschaftliche innere Distanz zu sich selbst macht den wirklichen Wert des Buches aus.
Der kritische Blick auf den Krieg – das Thema, das sich durch Churchills Leben ziehen sollte wie kein zweites – wird in diesem Buch schon gelegt und man mein schon fast ein Bedauern über die Notwendigkeit von Kriegen herauszuhören:


„Always remember, however sure you are that you could easily win, that there would not be a war if the other man did not think he also had a chance.“

Hier zeigt sich wieder der reflektierende Abstand des „mittelalten“ Churchills gegenüber seinem jüngeren Ich.

Ob er wohl seine Jugendjahre genauso beschrieben hätte, wenn er gewusst hätte, was ihm und der Welt noch bevorsteht? Die Frage ist müßig: Natürlich nicht. Die Naivität und Sorglosigkeit, die Sicherheit, dass die Welt so wie sie ist, ewig – oder zumindest zu seinen Lebzeiten – Bestand haben würde, die den jungen Engländer am Übergang zum 20. Jahrhundert ausgezeichnet hat, ist ihm schon zur Zeit der Abfassung durch den Ersten Weltkrieg verloren gegangen. Aber immerhin kann er sich noch an sie erinnern.

Wollen Sie noch den letzten Satz dieses Buchen hören? Das ist eine gemeine Frage, denn jetzt bleibt Ihnen fast nichts mehr anderes übrig, als weiterzulesen (die Disziplin, es nicht zu tun, hätte ich jedenfalls nicht), aber er ist so schön und im Kontext dieses Blogeintrages so passend, dass ich ihn nicht vorenthalten will:

Events were soon to arise … which were to plunge me into new struggles and absorb my thoughts and energies at least until September 1908, when I married and lived happily ever afterwards.

Ausgaben:

Winston S. Churchill: My Early Life. A Roving Commission. Thornton Butterworth, London 1930. (Erstausgabe).

Winston S. Churchill. My Early Life. A Roving Commission. With an Introduction by Max Hastings. Folio Society. London 2007. (Wunderschöne Ausgabe im Schuber!).

Winston S. Churchill. Meine frühen Jahre. Weltabenteuer im Dienst. List. München 1965. (Deutsche Ausgabe, später noch einmal im Coron Verlag, Zürich. Meine Empfehlung: Tun Sie sich das nicht an. Das Englisch Churchills ist zum Niederknieen und die deutsche Übersetzung kann dem nicht gerecht werden.)

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Warum dieser Blog?

„Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft“.
Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835).

Als ich ein kleiner Junge war, erzählte mir mein Großvater aus seinem Leben, aus seiner Jugend und den Schicksalen, die ihn in wenigen Jahren über drei Kontinente trieben – weit weg von allen Menschen, die er liebte.

Das war mein erster Kontakt mit Geschichte und zugleich der beeindruckendste.

Geschichte ist nicht nur das, was in von Historikern verfassten Geschichtsbüchern steht, so nützlich sie auch sein mögen.

Geschichte sind in erster Linie: Geschichten. Erlebnisse und Zeugnisse von Menschen, die uns hinterlassen haben, was sie erlebt und getan haben. Es ist das direkteste, das persönlichste, aber auch das subjektivste und vielleicht gerade deshalb das wertvollste Zeugnis, das wir über die Vergangenheit haben.

In keiner anderen Form der Geschichtsscheibung – der Geschichtenschreibung – kann man so unmittelbar eintauchen in die Lebenswelt der Menschen, die vor uns gelebt haben.

Das hat mich seit den Zeiten meines Großvaters fasziniert. Seitdem sammle und lese ich Autobiographien, Reisebeschreibungen, Tagebücher etc.

Ich möchte Sie einladen, mich auf eine Reise in diese besondere Welt der Literatur zu begleiten und das schillernde Kaleidoskop der Menschheitsgeschichte kennen zu lernen, dass uns diese Menschen selbst hinterlassen haben. Geben wir ihnen das Wort, lassen wir sie zu uns sprechen.

Sehen wir durch die Augen Kolumbus‘, als er den Seeweg nach Indien entdeckte (wie er glaubte), nehmen Teil an seinen Ängsten, als er von seiner Mannschaft gedrängt, schon fast wieder umkehren wollte.

Lesen wir, wir Goethe uns erzählt, was er in Italien gesehen und wie dieses Arkadien auf ihn gewirkt hat und ihm eine neue Welt eröffnet hat.

Oder lassen Sie sich von Nelson Mandela berichten, wie er für seine neue Welt gekämpft hat und in der Beschränktheit des Gefängnisses seine Vision nie aus den Augen verloren hat.

In unregelmäßiger Folge werde ich in diesem Blog autobiographische Schriften vorstellen, Lektüreempfehlungen, und dabei abwechseln zwischen bekannten und unbekannten Namen. Gemeinsam aber ist allen, dass sie uns etwas mitzuteilen hatten, das auch heute noch fasziniert: ihre Zeit, ihre MenschenZeit.

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